Wo ist Shakespeare?

Wo ist Shakespeare?

Die Zeit, in der wir hastig nach Hause eilten, um uns für die Abendvorstellung fertig zu machen, für die wir schon Wochen im Voraus Karten gekauft hatten, ist längst vorbei.

Wir stecken bis zum Hals im 21. Jahrhundert, und sag mir nicht, dass du das nicht bemerkt hast. Das erste Vierteljahrhundert ist an uns vorbeigerauscht, als hätte der Wind es mitgenommen. Wir haben währenddessen auf unseren Handys durch die Bilder gescrollt, und es ist uns gar nicht aufgefallen, wie sehr sich alles verändert hat. Ich glaube, wenn jemand plötzlich von seinem Telefon aufblickt und noch ein konkretes Bild davon hat, wie eine Straße vor vielleicht zehn Jahren ausgesehen hat, könnte er denken, dass er sich verlaufen hat.

Shakespeare? Ach was… Die meisten Menschen wissen nicht einmal, wer das ist. Es gibt keinen Anknüpfungspunkt mehr, an den man sich binden könnte, keinen Halt, der beim Verstehen eines Satzes Orientierung geben würde. Und wir haben auch nicht mehr die Geduld, zuzuhören. In so einer Situation kann ein schöpferischer Geist zwei Dinge tun.

  1. Sich ins eigene Schwert stürzen.
  2. Sich etwas Neues ausdenken.

Aber diesmal muss wirklich etwas Großes kommen, denn mit einer bloßen Schönheitskorrektur kommen wir hier nicht mehr weiter.

Früher ging auch nur eine bestimmte Schicht ins Theater. Heute ist es genauso. Früher verstanden auch nur wenige die klugen Gedanken. Heute ebenfalls. Nein, ich unterschätze die Menschen nicht, ich bin nur ehrlich. Die Aufgabe des Theaters war es immer, den menschlichen Schwächen einen Spiegel vorzuhalten, sei es mit Humor oder mit Drama. Auf seine Weise ist auch die Jahrmarktskomödie ein Zerrspiegel.

Aber wenn wir erkennen, dass die Sätze hohl klingen, dass die menschlichen Beziehungen ausgehöhlt sind, dass sich die Probleme verändert haben und sich die Konflikte zu kriegerischen Spannungen gesteigert haben, dann müssen wir genau das auf die Bühne bringen. Diese veränderte Welt, zu der auch die Online-Welt gehört – ein unausweichlicher Teil davon.

Man muss den Offline-Raum mit dem Online-Raum zusammenführen. Den menschlichen Geist mit dem maschinellen Geist. Und man muss sehen, wie jenes alltägliche Leben auf der Bühne funktioniert, das im Alltag bereits virtuell stattfindet.

Die Welt verändert sich, der Mensch verändert sich, und auch die menschlichen Beziehungen. Die Spiegelrolle des Theaters muss so neu gedacht werden, dass sie die Wirklichkeit tatsächlich widerspiegelt und ihre Widersprüche sichtbar macht.

Dieses Spiel ist ein wenig wie Alices Spiegelwelt, aber eines ist sicher: Es erwartet uns eine äußerst spannende Werkstattarbeit, in der wir unsere eigene menschlich-maschinelle Spiegelwelt erschaffen. Ob daraus ein Drama oder eine Komödie wird, wissen wir noch nicht.